Der Punktgewinn in Mönchengladbach zum Auftakt hatte beim HSV Hoffnungen geweckt, die im Stadt-Derby einen erheblichen Dämpfer erlitten haben. Weil beim verdienten 0:2 gegen St. Pauli sichtbar wurde, dass es angesichts offensiver Harmlosigkeit in der Bundesliga nicht reichen wird, defensiv kompakt zu stehen.
Aufsteiger benötigt dringend Offensiv-Verstärkung
„Uns hat Konsequenz im Spiel gefehlt“, bemängelt Kapitän Yussuf Poulsen. Tatsächlich fehlte dem Aufsteiger am Freitagabend noch deutlich mehr – vor allem eine Idee, das eigene Spiel nach vorn zu tragen. Das war auch schon in Mönchengladbach (0:0) über weite Strecken auffällig, am vergangenen Sonntag aber verteidigte die Defensive weitgehend fehlerfrei. Gegen St. Pauli waren mindestens Alexander Rössing-Lelesiit, Ransford Königsdörffer und Miro Muheim beim Eckball vor dem ersten Gegentor nicht wach genug.
Rieder als dringend benötigte Offensiv-Verstärkung?
„Wir dürfen in so einem engen Spiel nicht durch ein Standardtor in Rückstand geraten“, findet Poulsen. Weil Situationen wie diese mit Aufmerksamkeit zu verteidigen sind. Und weil sie für eine Mannschaft, die im Vorwärtsgang streckenweise mittellos wirkte, eben der eine Fehler zu viel sind. So nachvollziehbar der Ansatz von Merlin Polzin ist, mit Nicolas Capaldo und Nicolai Remberg das Zentrum zu verdichten, so deutlich wird: Keiner der beiden Neulinge hat die Fähigkeiten, das Hamburger Spiel ins letzte Drittel zu tragen.
Am Morgen des Derbys hatte Stefan Kuntz mit der Verpflichtung von Luka Vuskovic ein Ausrufezeichen gesetzt, fertig ist der Sportvorstand des HSV mit dieser Personalie indes noch nicht. Den Bedarf, eine Kreativkraft zu verpflichten, sieht der 62-Jährige, erst recht nach dem ernüchternden Derby-Vortrag. „Es geht um einen Spieler, der das Spiel aus dem Mittelfeld ins letzte Drittel transportiert, der die letzten Pässe spielen kann und torgefährlich ist. In diese Richtung schauen wir.“ Fabian Rieder von Stade Rennes ist ein Kandidat, um den sich die Hamburger bemühen.
Polzin: Derby-Niederlage „kotzt uns an“
Parallel dazu müssen die Protagonisten die frischen Wunden aus dem Derby lecken. „Dass wir dieses Spiel verloren haben“, gibt Polzin freimütig zu, „kotzt uns an.“ Der Trainer hebt zwar hervor, er habe zu Beginn der Partie „eine gute Energie gespürt, wir hatten einen sehr gelungenen Start.“ Doch der Anfangs-Elan ist schnell verpufft, weil die Idee mit dem Ball fehlte und der Nachbar spielerisch deutlicher überlegen war als in der Vorwoche Mönchengladbach.
„Wir haben es vor der Pause nicht geschafft, bei unserem Plan zu bleiben, uns nicht an die Dinge gehalten, die wichtig für unser Spiel sind.“ (Merlin Polzin)
Polzin stieß zudem auf, dass seine Spieler im Gefühl der Unterlegenheit auch ihre Ordnung verloren haben. „Wir haben es in der Phase vor der Pause nicht geschafft, bei unserem Plan zu bleiben, uns nicht an die Dinge gehalten, die wichtig für unser Spiel sind.“ Und sie haben in ihrer besten Phase, nach der Pause wieder den einen Fehler zu viel gemacht, genau genommen sogar ein Doppelfehler: Erst ließ sich Giorgi Gocholeishvili rauslocken und verlor den Ball, dann zögerte Keeper Daniel Heuer Fernandes mit dem Herauslaufen.
Die Neuen fremdeln allesamt
Dass Gocholeishvili kurz nach dem 0:2 auch noch Gelb-Rot kassierte, rundete den gebrauchten Abend des Georgiers ab und passt zum Gesamteindruck. Die Leihgabe aus Donezk kam, um die rechte Seite defensiv zu stabilisieren. Bislang aber weist er nicht nach, dass er tatsächlich besser als William Mikelbrencis ist.
Und genau das gilt (noch) für zu viele Neulinge: Die neue Mittelfeldachse Remberg/Capaldo ist zu wenig kreativ; in der Innenverteidigung erlebte Jordan Torunarigha nach schon manch schwachem Auftritt während der Vorbereitung seinen bisherigen Tiefpunkt; im Angriff kommt Rayan Philippe nicht an Emir Sahiti vorbei, obwohl dieser in der neuen sportlichen Umgebung sichtbar fremdelt.
„Wir sind in einem Prozess“, sagt Polzin. Das Derby hat gezeigt, dass dieser noch lange andauern könnte.