Abseits statt Elfmeter für Köln und Rot für Christoph Baumgartner – diese Schiedsrichter-Entscheidung beim Leipziger 2:1-Sieg in Köln sorgt für viele Diskussionen. Aus Schiri-Kreisen ist Verständnis für Kritik zu vernehmen, wie sie Lukas Kwasniok übte. Ein Blick in die komplizierte Abseitsregel – und was der DFB sagt.
Viele komplizierte Unterpunkte
Für Lukas Kwasniok war der Fall klar: „In dieser Szene geht es um eine unkontrollierte oder kontrollierte Abwehrszene von David Raum. Wenn man sich den Kopfball anschaut … also wenn das unkontrolliert ist, dann haben wir ein Thema, nämlich, dass wir den Bundesliga-Spielern viel zu wenig zutrauen“, sagte Kölner Trainer nach der 1:2-Niederlage gegen Leipzig am Sonntagnachmittag am DAZN-Mikrofon: „Dann machen wir aus Bundesliga-Spielern Kreisliga-Spieler. Das war ein freier Kopfball. Wenn das kein kontrollierter Kopfball ist, dann haben wir in der Wahrnehmung ein Thema.“
Doch was war passiert? Köln hätte nach einem Handspiel von Leipzigs Matchwinner Christoph Baumgartner kurz vor der eigenen Torlinie in der 76. Minute beim Stand von 1:2 aus Sicht der Gastgeber zunächst einen Strafstoß bekommen. Obendrein wäre noch eine Rote Karte für Baumgartner fällig gewesen. Doch Schiedsrichter Frank Willenborg entschied nach Video-Studium an der Seitenlinie auf Abseits.
Die reine, in diesem Fall minimale Abseitsstellung von Sebastian Sebulonsen wurde VAR Arne Aarnink von der seit dieser Saison in der Bundesliga eingeführten halb-automatischen Abseitstechnologie (SAOT) angezeigt. Doch war Sebulonsens Abseitsstellung auch aktiv und damit strafbar? Denn vor dem Kopfball des Kölners hatte auch Leipzigs David Raum den Ball im eigenen Strafraum geköpft.
Es war ein offensichtlicher Klärungsversuch von Raum im Rückwärtslaufen ohne unmittelbaren Gegnerdruck. Jedenfalls befand sich kein Gegenspieler unmittelbar mit Raum im Kopfballduell, dieser war also in keinen Kampf mit dem Gegner um den Ball verwickelt. Ungefähr einen Meter hinter Raum befand sich FC-Angreifer Marius Bülter, der eng von RB-Verteidiger Willi Orban bewacht wurde, aber gar nicht hochsprang Richtung Ball.
Die Abseitsregel ist lang und kompliziert
Dazu nun ein Blick in die komplizierte Abseitsregel, die jüngst durch einige von der internationalen Regelbehörde IFAB hinzugefügte Unterpunkte noch komplexer geworden ist. Zunächst findet sich in Regel 11 Abseits unter Punkt 2 (Abseitsvergehen) in den aktuellen DFB-Spielregeln (Seite 66) dieser Satz: „Ein Spieler verschafft sich keinen Vorteil aus seiner Abseitsstellung, wenn er den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält, der den Ball absichtlich gespielt* hat (auch per absichtlichem Handspiel), es sei denn, es handelt sich dabei um eine absichtliche Torverhinderungsaktion (Deliberate Save) eines gegnerischen Spielers.“
Da keine unmittelbare Torverhinderungsaktion von Raum vorliegt, wäre Sebulonsens Abseitsstellung auf den ersten Blick nicht strafbar, weil es sich bei Raums Aktion eindeutig um ein absichtliches Spielen des Balles handelt. Jetzt kommt das große Aber. Der Begriff „absichtlich gespielt“ ist ja mit einem Sternchen (*) versehen. Unter diesem Sternchen folgen dann tatsächlich Unterpunkte, die eine halbe DIN-A4-Seite füllen.
Dort heißt es: „Ein absichtliches Spielen (Deliberate Play) (mit Ausnahme von absichtlichen Handspielen) liegt vor, wenn ein Spieler den Ball unter Kontrolle bringen könnte und die Möglichkeit hat:
• den Ball einem Mitspieler zuzuspielen oder• in Ballbesitz zu gelangen oder • den Ball zu klären (z. B. mit dem Fuß oder dem Kopf). Wenn der Pass, der Versuch, in Ballbesitz zu gelangen, oder die Klärung durch den Spieler, der den Ball unter Kontrolle bringen könnte, ungenau ist oder misslingt, ändert dies nichts daran, dass der Spieler den Ball absichtlich gespielt hat.“
Wichtiger sind nun die noch folgenden Punkte, um die von Kwasniok zitierte „kontrollierte Aktion“ näher zu definieren. Also weiter im Regeltext: „Ob ein Spieler den Ball unter Kontrolle bringen könnte und folglich absichtlich spielt, ist anhand folgender Kriterien zu beurteilen:
• Der Ball legte eine gewisse Distanz zurück, und der Spieler hatte klare Sicht auf den Ball. • Der Ball bewegte sich nicht schnell. • Der Ball ging in eine zu erwartende Richtung. • Der Spieler hatte Zeit, seine Körperbewegungen zu koordinieren (d. h., es handelte sich nicht um instinktive Streck-, Sprung- oder sonstige Bewegungen mit begrenzter Ballberührung/-kontrolle). • Ein Ball am Boden ist einfacher zu spielen als ein Ball in der Luft.“
Hatte Raum genug Zeit, seine „Körperbewegungen zu koordinieren“?
Am Ende müssen Regeln und Auslegungskriterien wie diese natürlich vom jeweiligen Schiedsrichter in seinem Ermessen auf eine bestimmte Szene angewendet werden. Hier der Versuch, Raums recht kurz geratenen, noch im Strafraum ein paar Meter weiter bei Sebulonsen wieder runterkommenden Kopfball einzuordnen.
Der relativ flach getretene Mittelfeld-Freistoß von Kristoffer Lund wurde einige Meter vor dem Strafraum von Jakub Kaminski mit der Hacke verlangsamt und im hohen Bogen Richtung Raum gelenkt. Der Ball kam ursprünglich aus großer Distanz, änderte dann die Richtung, Raum hatte laut der TV-Bilder nach Kaminskis Hacken-Weiterleitung aber stets das Gesicht zum Ball gewandt, ihn mutmaßlich klar im Blick, weil sich keine anderen Spieler dazwischen befanden. Der Ball bewegte sich nicht sonderlich schnell und ging zumindest nach Kaminskis Fuß-Eingriff in eine erwartbare Richtung, er kam allerdings aus der Luft und ist somit laut Regelheft schwieriger zu spielen.
Abschließend aber das kniffligste Kriterium: Ob der Spieler Raum Zeit hatte, seine „Körperbewegungen zu koordinieren“ – vor allem da gehen die Meinungen auseinander. Kwasniok verweist nachvollziehbar auf die individuelle Qualität von Raum als Bundesliga- und Nationalspieler, dem es sehr wohl zuzutrauen ist, in dieser Situation eine koordinierte Kopfballbewegung auszuführen. Ob die Klärungsaktion dann gelingt oder nicht, spielt ja laut Regeln für die Abseitsbewertung keine Rolle. Aber: Man könnte es auch als „instinktive Sprungbewegung mit begrenzter Ballberührung/-kontrolle“ einordnen.
DFB verteidigt Schiedsrichter Willenborg
Wie bewertet der DFB die Szene? „Als der Ball in den Strafraum verlängert wurde, befand sich Sebastian Sebulonsen mit der Ferse in einer sehr knappen Abseitsposition“, erklärte Marco Fritz, Leiter für Evaluation, Beobachtungen und Regelauslegung bei der DFB Schiri GmbH, auf kicker-Nachfrage. „Der Ball wurde von David Raum im Sprung mit dem Kopf gespielt und gelangte danach zu Sebulonsen. Bei Raums Kopfball waren die regeltechnischen Voraussetzungen für ein kontrolliertes Spielen des Balles nicht gegeben. Raum befand sich im Rückwärtslauf, sein Kopfball resultierte schließlich aus einer Sprungbewegung mit begrenzter Kontrolle über Körper, Raum und Situation. Nach aktueller, auch international gültiger Auslegung der Abseitsregel handelte es sich somit nicht um ein kontrolliertes Spielen des Balles. Deshalb war die Abseitsstellung von Sebulonsen als strafbar zu bewerten.“
Unterm Strich sind der subjektive Kölner Ärger über diese Entscheidung und Kwasnioks Argumentation zur aus seiner Sicht kontrollierten Bewegung Raums nachvollziehbar. Verständnis dafür ist sogar bei Experten aus der DFB-Schiedsrichterzunft zu vernehmen. Ihrer Ansicht nach sei Raums Aktion durch die aktuell geltenden internationalen Auslegungsvorgaben aber trotzdem ein klar nicht absichtliches Spielen im Sinne von kontrolliert. Verantwortlich dafür sei die jüngste Regeländerung in diesem Punkt, die auch zur Verwunderung einiger Schiedsrichter-Experten die jeweils verteidigende Mannschaft grundsätzlich deutlich begünstigt.
Durch die Auslegung müsste sich Raum in der Ehre gekränkt fühlen
Wenn man sich die Erklärung von Fritz genau betrachtet, ist es sogar so, dass die aktuelle, ziemlich spielfremde Auslegung die Verteidiger in einem solchen Maß in Schutz nimmt, dass sich ein Nationalspieler wie Raum mit Blick auf seine Fähigkeiten eigentlich in der Ehre gekränkt fühlen müsste. Von wegen Koordination und „begrenzter Kontrolle über Körper, Raum und Situation im Rückwärtslaufen“.
All das wird den Kölner Ärger mutmaßlich aber nicht schmälern und wohl auch Kwasnioks Bewertung der Szene nicht ändern. Dafür aber sicherlich die Sensibilität bei vergleichbaren Fällen in der Zukunft erhöhen. Vor allem dann, wenn die Kölner die verteidigende Mannschaft sind.

