Treus neue Ansprüche: „Ich bin nicht mehr der kleine Jugendspieler“

Freiburg musste 5,5 Millionen Euro für Philipp Treu (24) bezahlen, obwohl der SC den Außenverteidiger selbst ausgebildet hat. Die zwischenzeitliche Freiheit bei St. Pauli hat aber wohl erst die „rasante“ Entwicklung ermöglicht – und eine Rückkehr mit anderen Ansprüchen.

Rückkehr als Neustart

Eine Zeit lang war nicht absehbar, ob es dem SC Freiburg gelingen wird, Philipp Treu zurückzuholen. Der FC St. Pauli zog angesichts des großen Umbruchs bei den Kiezkickern in Erwägung, zumindest den Leistungsträger auf den defensiven Außenbahnen nicht abzugeben. Zudem hat Kiliann Sildillia, für dessen Planstelle rechts hinten Treu auserkoren wurde, den Sport-Club noch nicht verlassen.

Trotz dieser Vorzeichen ging es Anfang voriger Woche überraschend schnell. St. Pauli entschied sich, Treu für die stattliche Ablöse von 5,5 Millionen Euro abzugeben und der SC blieb seiner aktuell eindrucksvollen Transferstrategie treu: agieren, statt erst auf Abgänge zu reagieren. Sildillia hat nach der U-21-EM mit Frankreich noch bis 19. Juli Urlaub, steht aber noch unter Vertrag, Treu ist trotzdem schon am Start – voller Tatendrang.

Rechtzeitig für die Leistungstests und den Trainingsstart am Sonntag vor 3000 Zuschauern im Europa-Park-Stadion ging der Wechsel über die Bühne. „Ich bin froh, dass sie sich einigen konnten und ich hier direkt loslegen kann. Ich fühle mich hier sehr heimisch“, sagt Treu, der von 2017 bis 2023 beim SC in der Fußballschule ausgebildet worden ist.

Am Ende seiner ersten Zeit in Freiburg war er als Leistungsträger der U-23-Drittligamannschaft regelmäßiger Trainingsgast bei den Profis von Christian Streich, kam auch mal in Testspielen zum Einsatz, allerdings nie in einer Pflichtpartie. Den Großteil der aktuellen Mannschaft kennt er aus dieser Zeit dennoch bestens. Noah Weißhaupt, der auf Leihbasis das vergangene halbe Jahr auch bei St. Pauli verbrachte, sowie U-21-Nationalspieler Max Rosenfelder nennt Treu als besonders enge Bezugspersonen. Aber auch darüber hinaus gebe es viele im Team, mit denen man auch abseits vom Training etwas unternehmen könne.

„Ich komme jetzt als Bundesliga-Spieler, der das Niveau spielen kann.“ (Philipp Treu)

Keine Frage, es ist eine Heimkehr mit Wohlfühlfaktor für den gebürtigen Heidelberger, der jetzt auch wieder deutlich näher bei der Familie lebt. Treu kennt Trainer Julian Schuster, der ihn als Verbindungstrainer früher eng begleitete und in der Zeit von Fabian Hürzeler auch mal beim FC St. Pauli hospitierte, die handelnden Personen, große Teile des Staffs sowie die wesentlichen Abläufe beim SC bestens.

Dennoch, das stellt der 1,73-Meter-Mann freundlich, aber bestimmt klar: Es ist auch eine Rückkehr unter ganz anderen Voraussetzungen. „Ich bin jetzt nicht mehr der kleine Jugendspieler aus der U 23. Das war mir ganz wichtig und das habe ich auch direkt in den Gesprächen mit den SC-Verantwortlichen gemerkt: Ich komme jetzt als Bundesliga-Spieler, der das Niveau spielen kann.“ 33 Ligapartien hat Treu 2024/25 für die Kiezkicker absolviert, vorwiegend links, und insgesamt drei Vorlagen gegeben.

Von solch einer Bilanz war er vor zwei Jahren noch weit entfernt: „Freiburg hat sich brutal weiterentwickelt. Ich habe mir damals den Schritt selbst noch nicht so richtig zugetraut, bei einem Top-Bundesliga-Verein direkt hochzukommen und dann auch zu spielen“, räumt Treu offen ein. „Wir wollten ihn damals schon dazunehmen“, sagt Sportvorstand Jochen Saier, „aber Philipp hat für sich eine richtige Entscheidung getroffen, nach St. Pauli zu gehen.“

„Man sieht auch an anderen Spielern immer wieder, dass Leihen vielleicht nicht immer ganz so cool sind.“ (Philipp Treu)

Seinerzeit in die 2. Liga, der logische Zwischenschritt eben zwischen Drittklassigkeit und Oberhaus. „Für mich hätte es nicht besser laufen können. 2. Liga, Aufstieg mit St. Pauli, plus jetzt noch so ein stabiles erstes Jahr in der Bundesliga“, sagt Treu. So stabil, dass sich der Sport-Club dazu entschloss, sein Eigengewächs, dass er vor zwei Jahren ablösefrei hatte ziehen lassen, jetzt wieder für eine stattliche Millionen-Summe zurückzuholen.

„Ich habe mich so rasant und gut weiterentwickelt, dass es jetzt halt wieder zurückgeht“, sagt Treu selbstbewusst. Dass er sich zwischenzeitlich von seinem Ausbildungsklub komplett gelöst hatte, war dabei offenbar ein Schlüssel zum Erfolg: „Man sieht auch an anderen Spielern immer wieder, dass Leihen vielleicht nicht immer ganz so cool sind. Dann hast du nur für ein Jahr eine neue Wohnung und kommst gar nicht richtig an. Ich hatte in Hamburg was ganz Neues bei einem super Verein, wo ich mich super wohlgefühlt und auch damit gerechnet habe, dass ich auch die nächsten Jahre in Hamburg bin.“

Doch jetzt heißt es für Treu: Europacup statt Abstiegskampf. „Die Europa League ist natürlich ein geiler Nebeneffekt, auf den ich mich auch freue.“ Aber wichtiger sei für ihn „eine gewisse Ruhe“ in und um seinen Verein, sowie „Bescheidenheit und Demut“. Er sei nie ein Senkrechtstarter gewesen: „Ich habe mich peu à peu weiterentwickelt, deswegen passe ich auch ganz gut nach Freiburg.“

Saier und Schuster loben die Mentalität

Saier lobt explizit Treus Mentalität und Haltung: „Das ist bei Philipp echt was Besonderes, auch diese Komponente war uns wichtig bei der Entscheidung.“ Auch Schusters Einschätzung verdeutlicht die Wertschätzung für den Rückkehrer, der sicher nicht als Mitläufer eingeplant ist: „Philipp übernimmt Verantwortung, geht voran auf dem Trainingsplatz. Es ist schön, wenn man Persönlichkeiten hat, die durch ihre Haltung antreiben können. Das verkörpert Philipp in Perfektion.“

Entsprechend dieser großen Wertschätzung will Treu sportlich angreifen, mit ganz anderen Ansprüchen als vor zwei Jahren: „Natürlich ist die Konkurrenz hier höher. Aber mich auf einer Position in einem Duell durchzusetzen, genau das wollte ich und deswegen habe mich auch für den Schritt nach Freiburg wieder entschieden.“

Harter Konkurrenzkampf mit Kübler und Co.

Trotz mehrfacher Nachfrage beteuert Rechtsfüßer Treu, keine Lieblingsseite zu haben. Beim SC ist der Außenverteidiger angesichts des engen Duells auf links zwischen Kapitän Christian Günter und Jordy Makengo aber vor allem rechts eingeplant. Dort muss er es wohl vor allem mit Routinier Lukas Kübler aufnehmen.

Der 32-Jährige ist schon zehn Jahre im Verein und kam vorige Saison auf 30 Pflichtspieleinsätze, hatte Olympia-Silbermedaillengewinner Sildillia bis zu einer Sperre und einem folgenden Infekt in der Rückrunde lange zum Statisten degradiert. Im Saisonfinale startete dann aber sogar die derzeit verletzte Innenverteidiger-Entdeckung Rosenfelder hinten rechts und zu Saisonbeginn auch Youngster Bruno Ogbus, der nach überstandenem Achillessehnenriss laut Saier jetzt wieder „voll im Rennen“ ist.

Es dürfte also alles andere als leicht werden für Treu, der bei allen Komplimenten bisher erst diese 33 Bundesliga-Einsätze aus der vorigen Saison in der Vita stehen hat. Aber genau diese Herausforderung hat der laufstarke, aber auch fußballerisch gute Kämpfertyp gesucht: „Ich will mich mit den Besten messen, um auf einem neuen Level den nächsten Sprung zu schaffen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert