Den Großteil der Rückrunde verbrachte Florian Neuhaus auf der Bank, den Saisonstart gar auf der Tribüne. Gladbach hätte sich das Top-Gehalt des 29-Jährigen im letzten Vertragsjahr gern gespart. Doch in der Krise ergreift dieser seine Chance.
Trotz „Fingerzeig“ im Pokal
Wie viel Können und wie viel Zufall letztlich dabei war, sei mal dahingestellt, doch Florian Neuhaus brauchte nicht einmal elf Minuten, um genau dort zu stehen, wo er stehen musste. Mit der rechten Innenseite fälschte er den Schuss von Lukas Ullrich entscheidend ab und traf zum 1:0 gegen Mainz. Auch wenn die Gladbacher den nächsten „bitteren Nachmittag“ erlebten und mit 3:4 verloren, bewies Interimstrainer Jan-Moritz Lichte mit der Entscheidung für die Nummer 10 zweifelsfrei einen guten Riecher.
Der hatte vor seinem vorerst einzigen Spiel als Chef alle Freiheiten bekommen, um taktisch und personell Veränderungen vorzunehmen. Eine Vorgabe, die er annahm, zum einen mit der Umstellung auf eine Dreierkette, zum anderen eben ganz besonders mit der Hereinnahme von Neuhaus. Für den 29-Jährigen war es der erste Startelf-Einsatz seit dem 31. Januar dieses Jahres.
Auf Vertragssituationen kann keine Rücksicht mehr genommen werden
Anschließend war Neuhaus unter Eugen Polanski eigentlich außen vor, kam nur in zwei der letzten 14 Ligaspiele 2025/26 jeweils als Joker zum Einsatz. In diesem Sommer, ein Jahr vor dem Ablauf seines Vertrags, änderte sich daran wenig. Im Gegenteil, Neuhaus sollte den Verein im besten Fall verlassen, die Gladbacher wollten sein Top-Gehalt einsparen. Eine Auflösung des Arbeitspapiers sei zwar kein Thema gewesen, wie Rouven Schröder erklärte, doch schon im Pokal gegen Schott Mainz (5:0) stand er gar nicht erst im Kader. „Das ist schon ein Fingerzeig“, sagte der Sportchef damals.
Doch Neuhaus blieb – und die Zeit, um Vertragssituationen über individuelle Qualität zu stellen, ist in Gladbach nach dem schwachen Start längst vorbei. So kehrte der Zentrumsspieler im letzten Spiel unter Polanski in Freiburg (0:5) zumindest zurück auf die Bank, gegen Mainz nominierte ihn Interimstrainer Lichte dann für die Startelf.
Lichte: „Genau der Spieler, den wir auf dem Platz brauchen“
„Wir haben uns als Trainerteam natürlich unsere Möglichkeiten angeschaut, so wie wir das Woche für Woche machen, und hatten das Gefühl, für die Situation, in der wir sind, und auch das System, das wir spielen wollten, ist er genau der Spieler, den wir auf dem Platz brauchen“, erklärte Lichte die Entscheidung für Neuhaus, den er im halblinken offensiven Mittelfeld aufbot.
„Es ist natürlich schön für ihn und uns, dass er das 1:0 macht und eigentlich gut ins Spiel kommt“, sprach Lichte über die Leistung des ehemaligen Nationalspielers. „Er hat vieles von dem umgesetzt, was wir von ihm erwartet haben. Mit Flo bin ich absolut zufrieden.“ Nicht nur durch sein Tor machte er auf sich aufmerksam. Er legte vier weitere Torschüsse auf und war zudem in seinen 63 Minuten Spielzeit so etwas wie ein emotionaler Anführer – auch, wenn er mit seinem Schubser gegen Stefan Posch über das Ziel hinausschoss.
„Jeder, der dazu beiträgt, dass wir erfolgreich sind, ist einfach gefragt.“ (Rouven Schröder)
Die Rückkehr von Neuhaus sei „keine Rolle rückwärts“, betonte Schröder. „Ich glaube, wir haben uns nicht verdribbelt, was die Außendarstellung anging. Anfang der Saison, als alle fit waren, haben wir gewisse Parameter besprochen. Trotzdem haben wir immer gesagt, dass er ein Spieler ist, der Vertrag hat und sich dementsprechend zeigt“, ordnete der Sportdirektor die Situation ein und sprach ein Lob für den eigentlichen Abgangskandidaten aus: „Flo hat sich nie hängen lassen.“
Der Trainerwechsel dürfte auch für Neuhaus eine Chance werden, um auf weitere Einsätze zu kommen und seinen zuletzt aufgrund mangelnder Spielzeit gesunkenen Marktwert wieder zu steigern. Denn in der aktuellen Situation kann auch für den neuen Mann an der Seitenlinie, der aller Voraussicht nach Alexander Blessin sein wird, nur zählen, was auf dem Platz passiert. „Jeder, der dazu beiträgt, dass wir erfolgreich sind, ist einfach gefragt“, betonte Schröder. Dass Neuhaus genau das tun kann, bewies er bei seinem Startelf-Comeback.

