Fünf Jahre lang war der am Samstag verstorbene Peter Hermann Assistent von Jupp Heynckes. Mit bewegenden Worten nimmt der Triple-Trainer des FC Bayern im kicker Abschied von seinem Weggefährten und gibt sehr persönliche Einblicke in ihre Beziehung. Vom ersten Kennenlernen in Leverkusen über den Kontakt nach der Karriere bis hin zu einer der letzten WhatsApp-Nachrichten.
81-Jähriger nimmt Abschied
von Jupp Heynckes
Es gibt im Leben Tage, die man nie vergisst. Und es gibt im Leben Nachrichten, von denen man in andauernder Verängstigung weiß, dass sie einen früher oder später erreichen werden. Dennoch ereilen sie einen unvorbereitet und mit einer brutalen Wucht, weil ihr Inhalt von einer niederschmetternden Endgültigkeit ist.
Als ich am vergangenen Samstagabend auf meinem Mobiltelefon die Nummer von Peter Hermanns Tochter Rebecca sah und dann auf der Mailbox ihre Bitte um dringenden Rückruf hörte, durchfuhr mich sofort eine schlimme Vorahnung, die das anschließende Gespräch bestätigte: Peter hatte den Kampf gegen die heimtückische Erkrankung seines motorischen Nervensystems, die einem Patienten keine Chance lässt, verloren.
Meine Frau Iris und ich saßen am Tisch und konnten unsere Tränen nicht mehr aufhalten. Das menschliche Vokabular bietet für solche Situationen nicht die passenden Worte, um auszudrücken, wie uns dieser Verlust getroffen hat. Peters Lebensinhalt bildeten die Familie und der Fußball. Seine Frau Barbara und seine Lieben haben sich rührend um ihn gekümmert, rund um die Uhr. Als er in seinen letzten Monaten nicht mehr allein sein konnte, war immer ein Familienmitglied in seiner Nähe.
Seit mir Peter von seiner Diagnose berichtet und ich mich intensiv über ALS informiert hatte, wusste ich, was dieser Befund bedeutete. Dennoch habe ich für ihn weiterhin gehofft, dass ihm noch möglichst viele schöne Tage vergönnt sein würden. Peter selbst hat sein schlimmes Schicksal nie beklagt.
Als ich ihn letztmals besucht habe, konnte er kaum noch sprechen
Erst vor einem Jahr schickte er mir Fotos aus dem Urlaub, auf denen er stolz auf einem Dreirad für Erwachsene saß, weil er darauf noch die Balance halten konnte. Peter war so glücklich, dass er sich auf diese Art fortbewegen konnte. Als ich ihn vor etwa drei Monaten letztmals besucht habe, konnte er kaum noch sprechen. Sein Schwiegersohn half bei der Konversation, weil ich Peter kaum mehr verstehen konnte. Auf der Heimfahrt habe ich, das Bild meines so schrecklich gezeichneten Freundes vor Augen, im Auto bitterlich geweint.
Unsere zuvor schon ständige Kommunikation haben wir schriftlich über Whatsapp fortgeführt. Es waren oft sehr lange Texte. Wir haben uns über die geopolitische Weltlage ausgetauscht, über die Unvernunft und Unzufriedenheit der Menschen. Wir waren uns einig, dass wir in Deutschland in einem gelobten Land leben, wo jeder seine Meinung offen sagen dürfe. Dennoch würden sich hierzulande so viele Menschen „über alle möglichen Kleinigkeiten“ beschweren.
Peter hatte eine kurze, besondere Art der Kommentierung
Vor der WM in Nordamerika stimmte mir Peter zu, als ich ihm schrieb, dass die deutsche Nationalmannschaft nicht weit kommen würde, weil ihr die Weltklassespieler fehlten. Ich habe gefilmt, wie ich in meinem Garten meine Koikarpfen fütterte, er schrieb zurück: „Bei dir herrscht ja ein buntes Treiben im Teich.“
Peter hatte eine kurze, besondere Art der Kommentierung und einen sehr trockenen Witz. Als ich einmal beiläufig erwähnte, dass Spaniens Weltmeistertrainer Luis de la Fuente mein Spieler in Bilbao gewesen war, merkte er an: „Er hatte ja einen guten Lehrmeister.“
Am 16. August ließ ich ihm „einen erneuten Gruß aus dem heute wieder erträglichen Schwalmtal“ zukommen, verbunden mit der Befürchtung, dass er sicher „wie wir alle unter der extremen Hitze gelitten“ habe. Nein, teilte er mir mit, „bei mir geht es mit der Hitze. Ich war letzte Woche im Stadion bei der Saisoneröffnung von Bayer gegen Sevilla. War ganz ordentlich“. Leverkusen hatte 2:1 gewonnen. Beim Fußball störten Peter doch nicht Temperaturen um die 35 Grad.
Fünf Tage später fragte er mich: „Jupp, was sagst du zu Musiala?“ Ich schrieb zurück, dass ich die Geschichte tragisch fand und wünschte, dass der Spieler wieder Freude am Fußballspielen haben werde. Zur Aufheiterung leitete ich Peter Ende August ein witziges Video weiter, das ich von Sepp Maier erhalten hatte. Es ist nicht immer leicht, bei einem Schwerkranken das passende Thema und den richtigen Ton zu treffen.
Am Dienstag, 8. September, habe ich ihm eine Sequenz mit den sehr schönen Toren, die meine damalige Mannschaft von Real Madrid in den zwei Supercup-Spielen gegen den FC Barcelona 1997 erzielt hatte, weitergeleitet, nur so zum Anschauen. „Lieber Peter“, schrieb ich, „fast ist es an mir vorbeigegangen, dass heute die Champions-League-Spiele beginnen“, angesichts der Flut von Begegnungen im Fernsehen. „Ich hoffe, dass es dir einigermaßen gut geht und du hier und da eine Halbzeit sehen kannst.“
Tags darauf kam seine Antwort: „Danke, Jupp, es geht einigermaßen. Am Samstag im Stadion war es schon besser. Habe mit Carro, Rudi Völler und Ulf Kirsten gesprochen.“ Es war beim 4:0-Sieg der Leverkusener gegen Union Berlin gewesen, da sah Peter Hermann seinen Herzensklub zum letzten Mal. Das nächste Heimspiel, am vorigen Sonntag gegen Leipzig, erlebte er nicht mehr. Und als wäre es ein Abschiedsgruß gewesen, fügte er noch an: „Schöne Fotos, die du mir geschickt hast. Du hast viel gesehen und viel erreicht in deiner Karriere. Liebe Grüße an Iris, sie war ja immer an deiner Seite.“
Peter beeindruckte mich direkt mit seiner Klarheit
Fünf Jahre durfte ich Peter Hermann als Assistenten an meiner Seite haben. Als mich Rudi Völler 2009 zu Bayer holte, sagte er: „Jupp, wir haben da einen sehr guten Mann, den idealen Co-Trainer.“ Er meinte Peter Hermann, der mich bald besuchte und klarstellte: „Eines möchte ich dir gleich sagen: Wenn ich die Bälle aufpumpen oder Hütchen aufstellen soll, komme ich nicht.“
Diese Klarheit gefiel mir grandios. Auf dieser Basis konnte unsere Zusammenarbeit starten. Peter wurde zu meinem stets loyalen Partner auf Augenhöhe, weder 2009 bis 2011 in Leverkusen, 2011 bis 2013 in München noch im Dreivierteljahr 2017/18 wieder beim FC Bayern hatten wir jemals Dissonanzen oder gar Streit. Wir waren Brüder im Geiste.
Als mich Uli Hoeneß ein letztes Mal zur Aushilfe holte, lautete meine Bedingung: „Nur mit Peter Hermann zusammen. Sonst komme ich nicht.“ Die Ablösesumme, die der FC Bayern an Fortuna Düsseldorf zahlen musste und die Peter höchst peinlich berührte, war bestens investiertes Geld.
Peter zeichnete ein Fußballwissen wie nur ganz wenige aus, er hatte in Zeiten, da es noch keine Datenbanken gab, alles in seinem Kopf gespeichert. Seine Anmerkungen waren fachlich fundiert, in seiner Arbeit war er fleißig und gewissenhaft. Wenn er mit Profis Einzeltraining absolvierte, ob mit Jerome Boateng oder Dante, umarmten sie ihn hinterher.
Peter war ein zweiter Mann erster Klasse
Die Spieler haben Peter nicht nur gemocht, sie haben ihn geliebt, weil er so empathisch und sympathisch, weil er so still und leise, so uneitel, einfach liebenswert war. Peter war wichtig, ohne sich wichtig zu nehmen. Peter Hermann, der ein zweiter Mann erster Klasse war, ist ein Vorbild für alle jungen und erfahrenen Trainer.
„Peter, du warst immer bescheiden, obwohl du viel mehr Klugheit und Wissen als andere hattest, deine Mitarbeit in Leverkusen und bei Bayern hat mir immer sehr viel bedeutet. Du bist für mich mehr als nur ein Freund“: Ich bin froh, dass ich ihm diese Worte noch in einer der letzten WhatsApps geschrieben habe. Aber ich bin sicher, er hat meine allerhöchste Wertschätzung ohnehin gespürt.

