Der SV Werder Bremen steuert nach rund einem Viertel der Saison auf Europa-Kurs – weil sich die Profis gegenseitig anstecken. „Hochinfektiös“ ist vor allem einer.
Füllkrug bekommt bei Grüll Gänsehaut
Allmählich gehen den Mitspielern die Superlative für ihn aus. Es ist ja noch nicht allzu lange her, dass Niclas Füllkrug von Karl Hein als „Monster“ bezeichnet wurde – nun gab der Werder-Keeper zu Protokoll: „Ich bin wirklich sprachlos, um ehrlich zu sein. Einfach: wow.“
Amos Pieper probierte es zumindest: „Man versucht, Woche für Woche neue Worte zu finden – noch mehr Lob. Er verdient jedes einzelne davon.“ Und, so der Verteidiger weiter: „Wie viel Schweiß er aufbringt und was er dem Verein mit seinen Toren und auch neben dem Platz gibt – viel besser geht es nicht.“
Es war also einmal mehr jener Füllkrug, der gegen die TSG Hoffenheim mit seinem neunten Saisontor das Spiel des SV Werder Bremen entscheidend geprägt hatte. Der mit diesem Treffer zum 1:0 – da waren sich alle Bremer und Hoffenheimer einig – den Ausgang des bis dahin ausgeglichenen Spiels ebnete. Und der somit ein weiteres Mal schlicht den Unterschied ausmachte, dass sein Klub bereits die Punkte 13, 14 und 15 einfuhr.
Thioune über Füllkrug: „Das hat uns komplett angezündet“
Werder steuert damit aktuell auf internationalem Kurs, wird den 8. Bundesliga-Spieltag als Tabellenfünfter abschließen – besser positioniert war man zuletzt nach dem 9. Spieltag der Saison 2018/19 (Vierter).
Füllkrug bleibt dabei der absolute Bremer Gamechanger: Der Angreifer traf nun ja schon im siebten aufeinanderfolgenden Bundesligaspiel, womit er den Werder-Rekord von Rudi Völler einstellte und mit seiner Art und Weise letztlich die gesamte Mannschaft infizierte, wenn nicht sogar das gesamte Weserstadion.
„Wie er sich da durchgesetzt hat“, betonte der Bremer Cheftrainer Daniel Thioune bezüglich des Duells mit dem bis dahin unüberwindbaren Hoffenheimer Ozan Kabak, „das hat uns noch einmal komplett angezündet.“
„Das zieht so viele mit – egal ob jung oder alt“
Das Bild der Lokomotive Füllkrug, das der Coach in dieser Spielzeit bereits mehrfach bemüht hatte, war Pieper indes symbolisch nicht mal mehr genug: „Ich glaube, Lokomotive reicht nicht“, meinte der 28-Jährige: „Es ist die Disziplin, wie er das vorlebt – dieses Profi-Sein. Wenn du das siehst: So viel Energie und Ehrgeiz, das zieht so viele mit – egal ob als junger oder gestandener Spieler.“
Und Füllkrug selbst? Der beteiligt sich ja sowieso nicht an all dem Hype um seine Person. Von diesem Vergleich mit einer Lokomotive habe er jedenfalls noch nichts mitbekommen. „Ich kriege das erstens nicht so wirklich mit, muss ich gestehen, und zweitens: Auf was bezogen?“, entgegnete er durchaus irritiert: „Ach, schwierig für mich, darüber zu reden… Wenn das die Außenwirkung ist, ist das so.“
Für ihn gehe es darum, „als der älteste und erfahrenste Spieler auf dem Platz ein Vorbild zu sein für das, was ich von allen erwarte – und man sieht ja auch, dass die Jungs mitgehen“, so Füllkrug.
Füllkrug: „Da kriege ich fast Gänsehaut auf dem Platz, weil ich das so geil finde“
Ein Beispiel: „Marco Grüll und ich – ich habe immer das Gefühl, wir stecken uns gegenseitig an, wie wir die Gegner anlaufen“, berichtete Füllkrug: „Als ich in der 87. Minute auf den Außenverteidiger gesprintet bin, habe ich mich umgedreht und gesehen, wie er auf einmal drei Spieler anrennt – da kriege ich fast Gänsehaut auf dem Platz, weil ich das so geil finde. Meine Jungs haben meinen Rücken, und genauso ist es bei ihnen auch. Wir sind eine absolute Einheit.“
Eine Einheit, die, das betonte Füllkrug ebenfalls, von Sportchef Clemens Fritz fähig zusammengestellt wurde, mit den passenden Charakteren: „Ich habe nicht das Gefühl, die spielen eigentlich alle erst seit Sommer in der Konstellation zusammen“, sagte der Angreifer.
Und die von Coach Thioune genauso fähig angeleitet wurde. „Ich habe das so auch noch nicht erlebt, dass das so schnell geht“, so Füllkrug: „Aber das ist nicht ohne Arbeit im Training passiert. Das ist echt brutal.“
Schnelle Integration von Arthur, Reis, Regeer, Dinkci
Umso bemerkenswerter erscheint da, dass viele jener wertvollen Neuzugänge ja erst ab Mitte August verpflichtet wurden, auch Füllkrug. „Wir reden zu Recht über Niclas, weil das ist outstanding“, erklärte Thioune: „Aber in seinem Schatten fliegen auch ein paar andere Jungs, wenn ich Arthur sehe seit ein paar Wochen, wenn ich Ludovit Reis sehe. Die wachsen halt auch. Youri Regeer macht es top, Eren Dinkci kam auch sehr spät.“
Thioune hat es jedenfalls geschafft, dass Werder die „Idee, wie wir Fußball spielen wollen, häufig abgebildet“ bekommt, dass das auch auf die „Idee, wie wir verteidigen wollen“, zutrifft – und dass beides nun eben „auf das Ergebnis einzahlt“. Das bedeutet neben Platz 5 in der Tabelle, dass insbesondere die Entwicklung als Mannschaft „schnell vorangeschritten ist“, so der Coach: „Schneller, als man sich das vielleicht vorgestellt hat.“

